Mittlerweile ist das Digitalradio DAB+ eindeutig am Point of no return angekommen. Die Verkaufszahlen der DAB-tauglichen Geräte wachsen erfreulich und in der EU wurde vergangene Woche sogar darüber diskutiert, dass Neuwagen künftig generell mit DAB-fähigen Autoradios ausgestattet werden müssen. Zudem sind in unserem Land derzeit so viele DAB-Programme wie noch nie bisher empfangbar. Das zweite Deutschschweiz-Ensemble von SwissMediaCast (SMC) steht in den Startlöchern und digris nimmt bald seine DAB-Insel für St. Gallen in Betrieb. Im Tessin herrscht eine grosse Nachfrage für das dort geplante Ensemble von SMC.

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Programmvielfalt auf DAB+ und Gerätevielfalt in den Verkaufsgeschäften. Fotos: S. Grünig, Krattigen.

Dennoch tut sich die Radiobranche schwer, mit dem Umstieg auf die Radiotechnologie der Zukunft. Folgende Faktoren streuen Unsicherheit und lassen die Anbieter zögern:

– Bald fallen die bisherigen Subventionen des Bundes für die Verbreitung auf DAB+ weg.
– Aus Norwegen, wo man letztes Jahr komplett auf DAB+ umgestellt hat, wurden «getürkte» Hörerzahlen gestreut,
welche jedoch auf eine längere Zeitspanne gesehen als falsch nachgewiesen werden konnten.
– Die Mobilfunktechnologie 5G steht in den Startlöchern.
– Der Werbekuchen in der Schweiz bleibt immer gleich gross.
– Das genaue Abschaltdatum von UKW ist noch nicht genau festgelegt. Eine langjährige, Parallelausstrahlung via
UKW und DAB+ verschlingt Unsummen von Geld.
– Die alten, betriebseigenen UKW-Sender sind längst abgeschrieben. Nun muss man sich bei «fremden» DAB-
Netzbetreibern einmieten und das kostet plötzlich Geld.
– Die internationale Frequenzkoordinierung wird immer schwieriger.

Für die meisten dieser Probleme gibt es jedoch ganz konkrete Lösungsansätze, welche die Radioanbieter dazu motivieren sollten, jetzt in die Technologie von DAB+ zu investieren. Es ist dabei ganz klar, dass schlussendlich nur die Finanzen der einzelnen Anbieter über Erfolg oder Misserfolg von DAB+ entscheiden. Natürlich spielt auch die Programmvielfalt für die Zuhörer eine entscheidende Rolle.

– Die Subventionen des Bundes müssen, wenn auch nicht im selben Ausmass wie bisher, auf irgendeine Weise fortgesetzt werden. Es macht jedoch Sinn, nicht weiterhin nach dem Giesskannenprinzip Gebührengelder auszuschütten, sondern die Subventionen nach Konzern und Programmangebot/-wert anzupassen. In diese Richtung finden hinter Kulissen momentan Überlegungen und Verhandlungen statt.
– Man darf sich in der Branche nicht von negativen News aus dem Ausland verunsichern lassen. Der Schweizer Radiomarkt ist nicht mit anderen Ländern zu vergleichen und DAB+ wird bei uns auch mit einem sehr guten Versorgungsfundament aufgebaut. Bald sind sogar alle wichtigen Nationalstrassentunnels mit DAB+ ausgerüstet.
– Die 5G Mobilfunktechnologie wird in unserem Land vorerst nicht flächendeckend verfügbar sein. Die teure Technologie wird sich für viele Jahre auf die bevölkerungsreichen Agglomerationen beschränken und ein Flickenteppich bleiben. 5G ist somit für eine zuverlässige, unabhängige, terrestrische Versorgung ungeeignet.
– Um neue Werbegelder generieren zu können, braucht es Innovation, wie beispielsweise Stundensponsoring oder Publireportagen und neue Wege von Kooperationen.
– Das UKW-Abschaltdatum sollte nun schnellstmöglich und verbindlich festgelegt und die Bevölkerung dafür sensibilisiert werden. Die Parallelausstrahlung muss schnellstmöglich beendet werden, da sie ein Schwarzes Loch für die Finanzen der Privatradios darstellt.
– Die Anbieter selbst müssen jetzt schon Finanzpläne für die künftige Finanzierung der DAB-Versorgung aufstellen. Man sollte dabei ebenfalls berücksichtigen, dass die teils uralten, maroden UKW-Sendeanlagen demnächst auch ersetzt hätten werden müssen. Damit wären die neuen UKW-Sender in den Buchhaltungen auch wieder aktiviert worden.
– In Sachen Frequenzkoordination muss das Bundesamt für Kommunikation (BAKOM) mit Bestimmtheit auf dem internationalen Parkett auftreten und darf sich nicht von grossen Worten oder gar Drohungen aus anderen Staaten beeinflussen lassen. Wer mit dem Netzaufbau hinterher, muss sich an die anderen anpassen, nach dem Prinzip: «Den Letzten beissen die Hunde.» Verhandlungsgeschick ist also auch von Politikern dringend gefordert!

Karte vergrössern!     Karte vergrössern!

Die Abdeckungskarten von SMC (aktuell) und digris (Ende 2017) für die gesamte Schweiz zum Vergrössern.

Es ist zudem ein grosser Vorteil, dass es in der Schweiz beinahe für jedes Budget ein DAB+ Angebot gibt:

– Im unteren Preissegment, jedoch räumlich begrenzte Versorgung: digris DAB-Inseln
– Mittleres Preissegment mit regionaler Abdeckung: drei SMC Regionallayer (Kanäle 7A, 8B, 9B)
– Mittleres Preissegment mit mit sprachregionaler, agglomerationsbezogener Abdeckung: SMC
2. Deutschschweizlayer (Kanal 7B)
– Teurere, jedoch grossflächige Versorgung in der ganzen Deutschschweiz: SMC 1. Deutschschweizlayer (Kanal 7D)

Die Branche darf bei allen Bemühungen nicht unterschätzen, dass DAB+ beim Hörer nur positiv wahrgenommen wird, wenn alle am selben Strick ziehen, wenn konsequent und breitgestreut informiert wird und wenn DAB+ wirklich einen Mehrwert zu UKW bietet. Programmvielfalt, interessante Zusatzfunktionen und eine merklich bessere Klangqualität wären die Punkte, welche bei den Hörern ankommen müssten um die Akzeptanz von DAB+ zu steigern. Zudem tut es dringend Not, dass sich die einzelnen Anbieter wieder vermehrt individualisieren und Energie in die Programmqualität stecken. Endlos Mainstreammusik auf und ab spielen reicht heute bei Weitem nicht mehr um erfolgreich zu sein. Die Hörer wollen Interaktivität sehen, überrascht und gefesselt werden und wollen sich mit dem Programm identifizieren können. Ansonsten gibt es im Internet genügend Nonstopmusikalternativen. Zudem müssen die Programmanbieter auch lernen, mit den neuen, viel grösseren DAB+ Sendegebieten umzugehen und ein geographisch breiteres Publikum ansprechen.

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Mit solchen Schritten dürfen die Verantwortlichen getrost in die Zukunft blicken, auch wenn nun noch gerade ein hartes Stück Überzeugungsarbeit und Innovation bevorsteht. Im Endeffekt sollten sich diese Bemühungen jedoch auszahlen, da es mittlerweile kein Zurück zur analogen Technologie mehr gibt. So ist es von entscheidender Wichtigkeit, die Übergangsphase so kurz als möglich zu halten.

Es ist zu hoffen, dass die Schweizer Radioanbieter den nötigen Mut zum Schritt nach vorne aufbringen!

DAB-Swiss
Stefan Grünig

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17.11.18 – DAB+ in der Schweiz, Standortbestimmung und wie weiter?

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